Derzeit wird - vor allem am Beispiel einer Schülerin im niedersächsischen Belm - heftig diskutiert, ob man einer Schülerin gestatten könne, am Unterricht teilzunehmen, während sie einen Niqāb trägt.

Besagte Schülerin aus der Gegend von Osnabrück tut dies seit drei Jahren - und das offenbar erfolgreich. Voraussichtlich wird sie bald erfolgreich ihren Schulabschluss tätigen. Dennoch laufen Politiker vor allem aus der Union Sturm und wollen verhindern, dass die Schülerin weiterhin mit Niqāb am Unterricht teilnimmt. Ob sie - trotz Schulpflicht - von der Schule verwiesen werden soll oder ob man sie zwingen will, den Niqāb abzulegen, oder ihre Eltern mit Strafandrohungen zwingen will, sie dazu zu bewegen (wie es Erika Steinbach vorgeschlagen hat), ist dabei unklar.

Wie begründen diese Politiker ihr Ansinnen?

Das eine Argument ist natürlich, Niqāb würde nicht nach Deutschland und nicht in eine Schule passen. Es sei ein Symbol für fehlende Gleichberechtigung und mangelnde Würde der Frauen. Ein anderes Argument ist, das niedersächsische Schulgesetz würde den Niqāb untersagen.

Tatsächlich legt § 58 des niedersächsischen Schulgesetzes fest, dass ein Schüler verpflichtet ist, am Unterricht teilzunehmen.

Manche Politiker, vor allem der Union, meinen nun - und das wohl durchaus zu Recht -, dass damit nicht nur die physische Teilnehme gemeint ist, sondern auch, sich am Unterricht, am Schulleben zu beteiligen.

Weiter meinen sie, der Niqāb einer Schülerin hindere sie daran, sich am Unterricht zu beteiligen. Darum sei das Tragen des Niqāb ein mittelbarer Verstoß gegen das Schulgesetz.

Dabei geht es im Kern um die Mimik der Schülerin, um eine durch den Niqāb errichtete sogenannte Mimik-Barriere. Die Lehrkräfte seien beispielsweise nicht in der Lage, anhand ihrer Mimik zu erkennen, ob die Schülerin Fragen habe, ob sie dem Unterricht folgen könne.

Das erscheint soweit durchaus plausibel. Die nonverbale Kommunikation, insbesondere auch die Mimik, ist für die Kommunikation sehr wichtig. Wenn wir miteinander sprechen, schauen wir unserem Gegenüber ins Gesicht. Wenn wir Fremdsprachen lernen, konzentrieren wir uns in besonderer Weise auf den Mund des Lehrers. So erfassen wir, ohne es bewusst zu merken, die Unterschiede zwischen ähnlich klingenden Silben. Darum lernen wir Fremdsprachen besser, wenn wir das Gesicht des Sprechers vor uns sehen - wenn wir den Sprecher nur hören, lernen wir weniger effektiv.

Was wir oftmals übersehen: Die Mimik ist keine angeborene Fähigkeit, sie wird erlernt. Wir schauen sie uns ab - zuerst von unseren Eltern. Wir Europäer, Amerikaner usw. lernen die Mimik von anderen aus unserer Kultur. Wir schauen auf ihre Gesichter und lernen von ihrem Vorbild, mit nahezu dem ganzen Gesicht zu kommunizieren. Dabei spielen nicht nur die Augen, sondern vor allem auch Mund- und Kinnpartie eine wichtige Rolle. Wir lernen, was wir wie mimisch ausdrücken. Wir wir die Mimik anderer lesen.

Wie gesagt - Mimik erlernen wir. Wir haben es hier mit Kultur zu tun.

Stellen wir uns nun einmal vor, die betreffende Schülerin stamme aus China, Japan, Korea oder einem anderen ostasiatischen Land und sei in der dortigen Kultur verwurzelt.

Wenn sie nun ihren Niqāb abnimmt, könnte der Lehrer mehr von ihrer Mimik sehen? Die Antwort ist: Nein.

Sie hat die mimische Kommunikation innerhalb ihrer Kultur gelernt, ihre Mimik ist durch und durch ostasiatisch geprägt. Und darum konzentriert sie sich fast ausschließlich auf die Mimik der Augen - nicht nur, wenn sie versucht, unsere Mimik zu verstehen, sondern auch, wenn sie sich ausdrücken will. Was bei uns Bewegungen im Bereich von Mund und Kinn sagen, sagen bei ihr die Augen.

Die Mimik-Barriere zwischen Europäern und Asiaten sorgt dafür, dass uns das Gesicht eines Chinesen, Japaners oder Koreaners emotionslos erscheint (während sie viele unserer mimischen Ausdrücke nicht verstehen, während unsere Augen für sie fast schon „stumm” sind).

Der Lehrer unserer ostasiatischen Schülerin sieht also kaum etwas von ihrer Mimik - das Abnehmen des Niqāb ändert nichts daran. Was eben noch das Tuch vor dem Mund war, ist nun der für uns vermeintlich emotionslose Ausdruck auf ihrem Gesicht. Weil wir ihre Mimik nicht lesen können.

Soweit das "was wäre wenn"-Spiel mit unserer Schülerin.

Tatsache ist, dass es vermutlich weit mehr Schüler*innen gibt, die sich wegen ihrer ostasiatischen Herkunft auf die Mimik der Augen konzentrieren, als es Schülerinnen gibt, die Niqāb tragen.

Das war aber bisher, soweit es mir bekannt ist, an unseren Schulen niemals ein Problem. Ostasiaten werden ganz normal unterrichtet, ihre Kultur und ihre damit einhergehende auf die Augen konzentrierte Mimik führt nicht dazu, dass ihre aktive Teilnahme am Unterricht eingeschränkt wäre.

Daraus folgt dann aber, dass auch der Niqāb eigentlich kein Problem sein kann - es sei denn, man möchte da unbedingt ein Problem sehen. Weil der Niqāb angeblich nicht zu Deutschland, nicht in unsere Schulen gehöre. 

Es ist ja so, dass wir die durch den Niqāb verursachte Mimik-Barriere sehen - aber die Mimik-Barriere, die von der kulturell bedingt unterschiedliche Mimik bei Europäern und Asiaten verursacht wird, nicht. Erst die Psychologen weisen uns darauf hin, dass Asiaten sich im Gegensatz zu uns nicht auf die Mund- und Kinnpartie konzentrieren, sondern auf die Augen. Dass diese Mimik-Barriere sozusagen ein unsichtbarer Niqāb ist.

Übrigens: Auch manche Europäer konzentrieren sich bei der Mimik auf den Bereich der Augen - ähnlich den Ostasiaten (oder sind für die Mimik sogar blind). Ursachen hierfür können beispielsweise eine angeborene Prosopagnosie (die fälschlich so genannte Gesichtsblindheit) oder das Asperger-Syndrom sein.