Der Koran schreibt keinen Gesichtsschleier vor” - so titelt die Online-Ausgabe der Tagesschau. Auf den Inhalt des Artikels, für den ein Vertreter des religiösen Sprachrohres des Militär-Regimes von al-Sisi in Ägypten interviewt wurde, will ich hier gar nicht weiter eingehen (zum Thema siehe ansonsten hier, zur al-Azhar siehe hier). 

Dessen Aussage, der Quran schreibe keinen Gesichtsschleier vor, mag dann gelten, wenn man davon ausgeht, dass das arab. Wort für Gesichtsschleier, Niqāb, so im Quran gar nicht vorkommt. Aber das soll an dieser Stelle auch nicht Thema sein.

Nein, mir geht es um das „Der Koran schreibt Muslimen dieses vor und jenes nicht”.

Fragen wir uns an dieser Stelle einmal, was von dem, was Christen tun, in der Bibel vorgeschrieben wird.

Beginnen wir mit einer klaren Anweisung der Bibel.

Erstens, die Verschleierung der Frauen. Diese wurde vom Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Christen in Korinth angeordnet. Die Frauen sollen einen Schleier als „Zeichen der Vollmacht” tragen, weil nämlich der Mann das Haupt der Frau ist, weil nämlich die Frau für den Mann geschaffen worden ist, weil sie nämlich der Abglanz des Manns ist. Und was ist, wenn sie sich nicht verschleiern will? Paulus schreibt, „wenn eine Frau sich nicht verhüllt, so werde ihr auch das Haar abgeschnitten!"

Zweitens, Frauen sollen sich, so im ersten Brief des Paulus an Timotheus, anständig verhalten, schamhaft und sittsam - im ersten Jahrhundert beinhaltete das freilich den Schleier.

Wenn nun Paulus die Verschleierung der Frauen fordert, und wenn doch der Text einer Heiligen Schrift so wichtig ist, wo ist dann die von der Bibel vorgeschriebene Verschleierung der christlichen Frauen? Warum stört uns dann die Verschleierung der muslimischen Frau so sehr, wo sie doch von daher eher Integration auf dem Wortlaut der Bibel darstellt?

Bevor ich jetzt falsch verstanden werde: Ich vertrete im Hinblick auf diese Bibelstellen keine wortwörtliche Auslegung. Ich interpretiere sie. Und komme so zu dem Ergebnis, dass sich christliche Frauen nicht verschleiern müssen. Obwohl es doch in der Bibel steht. Und das tun nahezu alle Christen: Wir richten unser Leben nicht nach einer fundamentalistischen Lesart der Bibel aus, die nur tut, was in der Bibel geboten ist und die alles lässt, was in der Bibel nicht geboten wird.

Sonst hätten wir als Christen ja große Probleme; denn in der Bibel sind beispielsweise nicht vorgeschrieben:

  • Kindertaufe
  • Taufpaten
  • Kirchtürme
  • Kirchenglocken
  • kirchliche Trauungen, Brautschleier
  • Priester, Pfarrer, Altäre, Kanzeln, Talare, Kirchenbänke...
  • Zölibat
  • Gottesdienste, wie sie heute gefeiert werden
  • Abendmahl, wie es heute gefeiert wird
  • Statuen und Bilder in den Kirchen
  • typische Kirchengebäude
  • Religionsunterricht
  • Erstkommunion, Firmung, Konfirmation
  • Orgel oder andere Musikinstrumente

Und so weiter und so fort - die Liste ist bei weitem nicht vollständig. Hielten wir uns hingegen wirklich an die Vorschriften der Bibel, wären etwa unsere Gottesdienste für uns sehr ungewohnt (prophetische Rede, Sprachenrede und deren Auslegung, Krankenheilungen). Besuchen Sie einmal einen Gottesdienst einer klassischen Pfingstgemeinde, die versucht, „neutestamentliche Gemeinde” zu sein. Spätestens beim biblischen „Zungengesang” werden Sie sich vermutlich sehr merkwürdig fühlen. Steht aber alles in der Bibel (und in manchen dieser Gemeinden tragen die Frauen sogar ein Kopftuch).

Eigentlich ist nahezu alles von dem, was die Mehrheit der Christen heute als „christliche Kulthandlungen und Riten” betrachten, in der Bibel nicht vorgeschrieben oder auch nur dort erwähnt. Die Bibel kennt kein „christliches Abendland”, sondern ein im Judentum verankertes Christentum, das sowohl im Orient als auch in Rom zu Hause ist.

Ironie ist freilich: Christliche Kirchen, die keine Kinder taufen, die keine religiösen Statuen oder Bilder haben, die weder Kirchtürme noch Kirchenglocken haben, deren Prediger keine Talare tragen und nicht von Kanzeln herab predigen, die also ihre Riten und Kulthandlungen stärker an der Bibel ausrichten und weniger an abendländischen Traditionen, an volkskirchlichen Sitten und Bräuchen, werden kaum als richtige „Kirchen” betrachtet, eher als „Sekten”. „Richtige Kirche” ist bei uns eher eine Frage von Traditionen und Bräuchen als von „es steht in der Bibel” oder gar sola scriptura.

Offenbar spielen Traditionen für das Christentum in diesem volkskirchlich geprägten Land eine große Rolle - und wer sich mehr an der Bibel orientiert und weniger an Traditionen, Sitten und Bräuchen, der ist verdächtig, einem merkwürdigen oder gar gefährlichen („fundamentalistischen”) Glauben anzuhängen.

Die volkskirchlichen (und teilweise auch freikirchlichen) Traditionen werden von vielen Christen gar nicht gegen die Vorschriften der Bibel geprüft, wie wir das von Muslimen offenbar verlangen. Muslime müssen beweisen, dass ihre rituellen Handlungen so im Koran stehen - das sind Doppelstandards. Und wer verlangt, dass eine Handlung im Koran niedergeschrieben ist, spricht Muslimen das Recht ab, die legitimen Inhalte ihres Glaubens selbstbestimmt festzulegen. Wer dann noch bestimmte Handlungen wie etwa die Verschleierung dämonisiert, hat drei zentrale Elemente beisammen, die Rassismus ausmachen: „Dämonisierung, Delegitimierung, Doppelstandards.”

Was Menschen glauben, das müssen sie sich weder von staatlichen noch von religiösen „Autoritäten” vorschreiben lassen. Wir haben in diesem Land Bekenntnisfreiheit. Es gibt weder Staatskirche noch Staatsreligion noch eine staatliche Vorschrift, das sich religiöse Handlungen in der jeweiligen „Heiligen Schrift” wiederfinden müssen. Das ist europäisches Denken, das von Jahrhunderten des Staatskirchentums geprägt ist. Noch heute glaubt man häufig, der Staat dürfe den Untertanen vorschreiben, wie sie ihre Religion auszuüben haben, Religionsfreiheit bewege sich in diesem engen Korsett.

Es hat lange gedauert, bis die evangelischen Freikirchen aus diesem Korsett befreit wurden. Nun ist es an der Zeit, die Muslime aus diesem Korsett zu entlassen.

Wie Christen, Muslime, Juden oder wer sonst ihren Glauben praktizieren, bestimmen sie selbst. Und Artikel 4 des Grundgesetzes schützt eben diese Religionsausübung - in einer freiheitlichen Demokratie gerade auch die der religiösen Minderheiten.

Es spielt für die „Burkadebatte” keine Rolle, ob der Niqāb im Quran erwähnt wird oder nicht. Es geht um die Frage, wie Menschen ihre Religion ausüben wollen. Wie sie den Gott, an den sie glauben, verehren wollen. Solange sie dies aus ihrem frei gewählten Bekenntnis heraus überzeugend darlegen können und anderen keinen Schaden zufügen, gibt es keinen Grund, ihnen Religionsfreiheit zu verwehren.