Niqab vs. traditionelle Kleidung (Quelle: https://twitter.com/sibylleforrer/status/772534831775412224)In sozialen Medien verbreitet sich eine Bildercollage, die auf der linken Seite Frauen im Niqāb aus bestimmten Ländern zeigt („this is not our traditional dress”), auf der rechten Seite Frauen in traditionellen Bekleidungen aus denselben Ländern („this is”).

Die Collage will den Eindruck vermitteln, der Niqāb habe die traditionelle Kleidung verdrängt - eine Gefahr, die angeblich auch Europa bzw. Deutschland drohe. Bald also anstelle von Dirndl, Schwarzwald-Tracht und anderen Trachten, die unseren Alltag prägen, nur noch Frauen im schwarzen Niqāb?

Auf der rechten Seite ausschließlich wunderschöne, schlanke Frauen in nicht nur traditioneller, sondern besonderer Kleidung, die nicht im Alltag getragen wird, sondern zu besonderen Anlässen. Was so schön bunt ist, hat freilich kaum eine frauenfreundliche Kultur als Fundament, kaum selbstbestimmtes Verhalten, kaum Gleichberechtigung. Da sind zwangsverheiratete Frauen, da sind Frauen aus Kasten-Gesellschaften, da sind beschnittene Frauen, da sind unterdrückte Frauen.

Die Bilder rechts wenden sich freilich vor allem an Männer: Schöne, junge, schlanke Frauen. Allein diese Bildauswahl spricht alte weiße Männer an, die sich an exotischen Schönheiten erfreuen wollen. Die Frauen über 40 oder mit mehr als 65 kg, die sich gerne sexy kleiden, am liebsten zur „Burka” verpflichten wollen.

Die Bilder rechts sind also problematisch. Sie zeigen eine Fantasiewelt, die alle Probleme dieser Frauen ausblendet, verschleiert. Zeigt uns doch einmal die Lebenswirklichkeit, nehmt den Schleier weg von diesen Bildern. Zeigt uns, welche Wirklichkeit hinter diesen Traditionen verborgen ist. Wenn das Festtagsgewand abgelegt ist, wenn die Frauen in der Zwangsehe vergewaltigt werden, wenn sie an ihren Platz am Herd verwiesen werden, wenn sie ausgebeutet werden.

Zu den Traditionen, die man rechts auch hätte zeigen können, gehören freilich auch Lippenpflöcke, die die Lippen bis auf Tellergröße dehnen, Messingspiralen um einen scheinbar verlängerten Hals, „Schmuck”-Narben, die Spuren einer Beschneidung und vieles mehr. Traditionen sind nicht immer so exotisch schön anzusehen wie auf den Bildern rechts. Sie sind oftmals grausam, unmenschlich, frauenfeindlich.

Im Prinzip kann freilich auch der saudische Niqāb oder der afghanische Chadri oder der iranische Čádor auf der rechten Seite gezeigt werden - auch dabei handelt es sich um Traditionen. So zeigt ja auch das sechste Bild rechts mit dem Baṭṭūlah eine Art Niqāb.

Schauen wir uns nun die Bilder auf der linken Seite an. Es ist natürlich unzutreffend, dass der Niqāb immer nur schwarz ist. Und es ist natürlich nicht so, dass sie keine andere Kleidung kennen - unter dem Schleier tragen sie oft farbenfrohe Kleidung. Auch die Niqābi mögen schöne Kleidung tragen, mögen sich herausputzen. Sie schminken sich, sie legen Schmuck an. Und so zeigen sie sich auch - zwar nicht in der Öffentlichkeit, aber ihrem Mann oder anderen Frauen.

Ich habe die Bilder im Internet gesucht und auch alle gefunden - die meisten sind auf rechtspopulistischen, islamfeindlichen Seiten weit verbreitet, ohne dass Quellen genannt werden. Darum muss man etwas suchen, ehe man den Ursprung ausmacht. Nicht immer lässt sich mit Sicherheit sagen, woher das Bild stammt.

Dass die Bilder auf rechten, islamfeindlichen Seiten weit verbreitet sind und vor allem dort leicht gefunden werden können, deutet darauf hin, dass der Urheber in jenem Milieu beheimatet ist. Er ist sehr wahrscheinlich rechtspopulistisch oder zählt zu den Neuen Rechten und ist islamfeindlich. Sein Frauenbild ist offenbar sexistisch. Dass er an zweiter Stelle ein Bild mit einer jüdischen Frau zeigt, deutet die Möglichkeit an, dass er antisemitisch eingestellt ist.

Das erste Bild ist das einzige, das tatsächlich aus dem angegebenen Land stammt, aus Indien (aus Delhi).

Das zweite Bild zeigt nicht etwa eine bosnische, sondern eine jüdische Frau in Meah Shearim (Jerusalem), die eine „Frumka” trägt.

Das dritte Bild konnte ich nicht identifizieren, aber es stammt wahrscheinlich nicht wie angegeben aus dem Irak.

Das vierte Bild wird vor allem von „Politically Incorrect” verbreitet, eine Quelle wird nicht genannt. Das Bild stammt wahrscheinlich nicht aus Afghanistan.

Das fünfte Bild stammt nicht wie angegeben aus Syrien, sondern von Reuters (Phil Noble). Es zeigt die Britin Asma Patel.

Das sechste Bild zeigt einen Mann, den ehemaligen Geheimagenten und späteren Geschäftsmann Hervé Jaubert ("Escape from Dubai / Flucht aus Dubai").

Das siebte Bild stammt aus einem Online-Shop für islamische Kleidung in Europa, nicht wie angegeben eine Frau aus dem Jemen.

Das achte Bild stammt sicherlich nicht wie angegeben aus Ägypten, sondern aus einem Land mit lateinischer Schrift.

Das neunte Bild stammt von Julien Warnand (AFP/Getty Images). Mit Sicherheit nicht wie angegeben aus Pakistan, sondern wohl aus Europa (vermutlich Belgien oder Frankreich).

Für das zehnte Bild, im Internet als Symbolbild für alle möglichen Artikel zum Schleier verwendet, kann ich keine Quelle finden. Sicherlich stammt es nicht wie angegeben aus dem Iran.

Das elfte Bild scheint aus Japan zu stammen.

Das zwölfte Bild schließlich ist Fotokunst von Vitto Christaldi (Bildtitel „Ninja Burqa”) aus den Niederlanden.

Nur eines von den zwölf Bildern stammt also tatsächlich und ohne Zweifel aus dem angegebenen Land, gleich das erste. Das zweite Bild zeigt eine jüdische Frau (es ist gar nicht so selten, dass Bilder jüdischer Frauen in der „Frumka” verwendet werden, wenn es um Muslimas geht, die Niqāb tragen).

Offenbar ist es dem Urheber der Collage nicht gelungen, tatsächlich passende Bilder aus den angegebenen Ländern zu finden.

Schauen wir uns nun wieder die Collage im Ganzen ein. Man könnte sie gut eindeutschen und statt des Niqāb moderne westliche Kleidung verwenden: „Jeans weg, Hosen weg, Dirndl an und ran an den Herd! Gefalle den Männern!” Das ist das Frauenbild hinter dieser Collage (das Frauenbild, das gerade auch der AfD gut gefällt).

Überhaupt funktioniert dieses Bild nicht nur mit dem Niqāb - es funktioniert ebenso gut mit dem Hidschāb (ob links Frauen im Niqāb zu sehen sind oder im Hidschāb, ist nur ein gradueller Unterschied, vor allem, wenn man für die linke Seite eher schwarze Hidschāb verwenden würde) oder mit moderner westlicher Kleidung.

Tatsächlich gibt es ein Bild, das eine ähnliche Aufgabe erfüllt (ich habe es jetzt auf die Schnelle nicht gefunden) - links Frauen in moderner, westlicher, aufreizender Kleidung in den orientalischen Ländern, rechts Frauen mit Hidschāb als der traditionellen Kleidung religiöser Frauen. „Weg mit Minirock und High Heels - kleide Dich traditionell!” Traditionen sind eben auch relativ, auch im Hinblick auf die Bekleidung. Und es gibt für verschiedene Anlässe verschiedene Traditionen. Besondere Kleider wie etwa Hochzeitsgewänder oder solche für kulturelle Aufführungen trägt man selten im Alltag.

Diese Bilder funktionieren nur da, wo man Frauen Bekleidungsvorschriften auferlegen will - seien es Verbote etwa des Hidschāb oder des Niqāb oder der Zwang zu verhüllender Kleidung. Es ist eine grundsätzlich frauenfeindliche Aussage - Frauen sollen bestimmten Bekleidungsvorschriften genügen. Sie sollen nicht selbst bestimmen, wie sie sich kleiden, sondern sie sollen sich das vorschreiben lassen.

Diese Collage befördert nicht nur eine Aussage gegen den Niqāb - die Aussage ist insgesamt frauenfeindlich. Sie ordnet Frauen ein bestimmtes Klischee zu, ein traditionelles Rollenbild, das vor allem den Männern gefällt. Zumindest solange die Frau jung, schön und schlank ist. Der alte weiße Mann erfreut sich hier an der exotischen Schönheit, aber zur Not tut es auch die Frau im Dirndl. Hauptsache ein traditionelles Rollenbild, das die Frau so zeigt,wie es dem Mann gefällt.