Aktuell fordern einige Prominente aus CDU und CSU wieder einmal ein „Burkaverbot” - es ist Wahlkampf, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern stehen Wahlen an, mit der Forderung nach einem „Burkaverbot” möchte die in Umfragen schwächelnde CDU offensichtlich mit einem populistischen Argument Wähler am rechten Rand abfischen, damit diese nicht AfD wählen. Es steht zu befürchten, dass die Bestätigung des von der AfD immer wieder geforderten Verbotes durch die CDU eher die AfD stärken wird, da diese im Hinblick auf das Verbot als „Original” wahrgenommen wird (wobei sie es in Wirklichkeit von der CSU kopiert hat).

Soweit die Vorrede - aber was ist nun eigentlich diese „Burka”, deren Verbot gefordert wird? Ist es der vor allem in Afghanistan verbreitete Chadri, jener meist blaue Mantel, vorne hüftlang und mit einem integrierten Gesichtsschleier, der die Augen mit einem mehr oder weniger feinmaschigen Stoffgitter bedeckt? Ist es, der wörtlichen Übersetzung von arab. Burqu' folgend, der Schleier? Ist es der Hidschāb? Ist es der Niqāb, jener vermeintlich immer schwarze Gesichtsschleier mit dem schmalen Ausschnitt für die Augen? Ist es jede Form der „Vollverschleierung”, also sowohl Chadri als auch Niqāb oder womit sonst muslimische Frauen ihr Gesicht verschleiern mögen?

Die Übersetzung

Naheliegend wäre es, „Burka” von der wörtlichen Übersetzung des Ursprungsbegriffes Burqu' her zu verstehen: Der Schleier, das Bedeckende, das Verhüllende.

Bei Schleier allerdings denken wir an den Schleier der Nonnen, an den Schleier der Braut, vielleicht auch an den Schleier der trauernden Witwe, an den einst modischen Halbschleier vornehmer Damen, an die von Paulus im ersten Brief an die Korinther, im 11. Kapitel, geforderte Bedeckung des Haupts der Frau mit einem Schleier.

Wir mögen bei diesem Begriff eher nicht an den Schleier muslimischer Frauen denken. Schon gar nicht an alles, was bei ihnen bis über die Schultern oder gar bis zum Boden fällt, was die Haare vollständig bedeckt, was möglicherweise auch das Gesicht teilweise oder vollständig bedeckt. Darum vermeiden wir es, anstelle einer „Burka” in wörtlicher Übersetzung von einem Schleier zu sprechen.

Die Frage ist, ob wir dem Schleier damit Recht tun. Dies auch, weil Muhammad wahrscheinlich den Schleier von den Juden und Christen übernommen hat. Die Frauen der arabischen Polytheisten trugen keine Schleier, die der Juden und Christen sehr wohl. Wer das „christliche Abendland” gegen die „Burka” verteidigen will, sollte daran denken, dass ihre Herkunft aus einer „jüdisch-christlichen Kultur” als sehr wahrscheinlich gelten darf. Wäre den selbsternannten „Verteidigern der jüdisch-christlichen abendländischen Kultur” so wichtig, wie sie immer behaupten, müsste dann nicht auch die „Burka” verteidigt werden? - Hier wird deutlich, dass die „jüdisch-christliche abendländische Kultur” ein Kunstprodukt, ein Fantasieprodukt ist, die vor allem durch das definiert wird, was man ablehnt, durch das Fremde. Dieses Symbol unserer „Kultur” (früher sagte man „Rasse”) besitzt keine eigenen Werte - nur dass „wir nicht sind wie sie”. Das christliche Abendland existiert nur, weil ein vermeintliches „Morgenland” uns angeblich zu islamisieren droht.

Wörtlich übersetzt heißt Burqu' also, um wieder auf das Thema zurückzukommen, „Schleier”. Laut dem Deutschen Universalwörterbuch ein „[Kopf od. Gesicht einer Frau verhüllendes] Stück eines feinen, meist durchsichtigen Gewebes” (© Duden, Mannheim 2006). Laut Wikipedia „eine Kopfbedeckung aus leichtem Gewebe mit meist angenähert rechteckiger Grundform und von unterschiedlicher Länge. Der Schleier kann entweder das Gesicht freilassen, auch den unteren Teil des Gesichtes bedecken oder aber das Gesicht ganz verhüllen. In der Länge kann er das Haar und den Nacken bedecken, den Oberkörper schalartig umhüllen oder als Ganzkörperschleier den gesamten Körper verbergen. Das Haar wird von einem Schleier oft nur teilweise bedeckt und z. B. der Haaransatz freigelassen.” Weil übrigens „Burka” korrekt mit „Schleier” übersetzt wird und dieser Begriff ein maskulines Substantiv ist, sollte nach den Regeln der deutschen Sprache auch „Burka” als maskulines Substantiv verwendet werden, nicht die „Burka” sondern der „Burka”.

Kaum jemand in Deutschland versteht unter „Burka” einen Schleier im engeren oder auch weiteren, allgemeineren Sinn des wörtlich übersetzten Begriffes „Schleier”. Dies eben auch, weil uns der „Burka” fremd ist - und wir ihn nicht an uns heran lassen wollen. Oder die Frauen, die einen „Burka” tragen. „Schleier” zu sagen würde eine Integration darstellen, zu der wir nicht bereit sind. Wir verweigern die Integration schon auf der sprachlichen Ebene.

Die Lexika

Schauen wir nun einmal, wie Lexika den „Burka” definieren.

  • Duden - Das Fremdwörterbuch: „1} Burka die; -, -s <russ.>:  halbkreisförmig geschnittener Mantelumhang der Kaukasier aus Wolltuch; 2} Burka die; -, -s <arab.>: (von muslimischen Frauen in Afghanistan, Pakistan u. Teilen Indiens getragener) den ganzen Körper bedeckender Umhang mit einem Einsatz aus Netzgewebe für die Augen” (© Duden - Das Fremdwörterbuch, 10. Aufl. Mannheim 2010)
  • Duden - Deutsches Universalwörterbuch: „1} Burka,  die; -, -s [russ. burka, wohl zu: buryj = braun u. dann urspr. = brauner (Mantel)]: halbkreisförmig geschnittener Umhang der Kaukasier aus dickem, rauem Wollstoff; 2} Burka,  die; -, -s [Urdu burqà < arab. burqù]: (von muslimischen Frauen in Afghanistan, Pakistan u. Teilen Indiens getragener) den ganzen Körper bedeckender Umhang mit einem Einsatz aus Netzgewebe für die Augen” © Duden, 6. Aufl. Mannheim 2006)
  • Duden - Die deutsche Rechtschreibung: „Burka, die; -, -s <arab.> (den ganzen Körper bedeckender Umhang mit einem Einsatz aus Netzgewebe für die Augen)” (© Duden, 25. Aufl. Mannheim 2009)
  • Duden online: „(von muslimischen Frauen in Afghanistan, Pakistan und Teilen Indiens getragener) den ganzen Körper bedeckender Umhang mit einem Einsatz aus Netzgewebe für die Augen” (© Duden, 2016)
  • Wikpedia: „Ein Kleidungsstück, das der vollständigen Verschleierung des Körpers dient. Die Burka wird von vielen Frauen in Afghanistan und Teilen von Pakistan getragen.” (© Wikipedia, 2016, Creative Commons Attribution/Share Alike)

ChadriFünf Lexika, sieben Definitionen - fünfmal handelt es sich dabei um den Chadri (wie auf dem Bild rechts), zweimal um den kaukasischen Mantelumhang. Nicht einmal, und das muss an dieser Stelle festgehalten werden, wird hier der Niqāb erwähnt oder jegliche „Vollverschleierung”, jeglicher „Ganzkörperschleier”.

Von den verbreiteten Lexika her ist mit „Burka” entweder der kaukasische Mantelumhang gemeint oder der Chadri. Damit meint auch ein „Burkaverbot” entweder ein Verbot des kaukasischen Mantelumhangs oder des Chadri - nicht aber des Niqāb.

Wikipedia weist übrigens noch darauf hin, dass „in westlichen Ländern (...) unter ‚Burka’ mitunter fälschlich jede Form des Hidschāb verstanden” wird. Interessant dabei: Arab. Burqu' ist ein Synonym für Hidschāb im Sinne der islamkonformen Frauenkleidung, die den Körper (mit Ausnahme von Gesicht und Händen) blickdicht verhüllt, so dass die Rundungen nicht zu sehen sind. Dieses lt. Wikipedia fälschliche Verständnis entspricht also der wörtlichen Bedeutung von Burqu', zu Deutsch „Schleier”.

Fazit - weder Niqāb noch „Vollschleier

Weder in der wörtlichen Bedeutung noch nach den verbreiteten Lexika meint „Burka” den Niqāb. In der Regel ist der Chadri gemeint, der blaue Mantel mit dem integrierten Gesichtsschleier.

Wer Vollverschleierung, Ganzkörperschleier oder Niqāb meint, wenn er „Burka” sagt, liegt sowohl von der wörtlichen Bedeutung als auch von den Definition in den gebräuchlichen Lexika her völlig falsch.

Wobei der Chadri übrigens nicht den ganzen Körper bedeckt - vorne ist eher etwa hüftlang, bedeckt also allenfalls drei Viertel des Körpers. Der vordere Teil des Chadri lässt sich recht einfach nach hinten über den Kopf zurückwerfen, so dass dann nur noch die Rückseite des Körpers bedeckt ist.

Haarspalterei?

Wer ein Verbot verlangt, das so tief in die vom Grundgesetz garantierten Freiheitsrechte - Religionsfreiheit, Bekenntnisfreiheit, Meinungsfreiheit - eingreift, das darüber hinaus das Recht der Frau muslimischen Glaubens zur Selbstbestimmung über ihren Körper und dessen Sichtbarkeit und Verfügbarkeit einschränkt, sollte schon die korrekten Begriffe verwenden.

Anderenfalls verrät er vor allem seinen Mangel an Respekt für die Personen, um die es geht. Er zeigt dann deutlich, dass es ihm nicht um die Frauen geht, sondern um Zustimmung, um Applaus, im Falle von Parteien um Wählerstimmen gerade auch vom rechten Rand.

Es ist eben nicht alles „Burka” - die Frauen muslimischen Glaubens haben das Recht, dass man ihnen nicht von oben herab begegnet, sondern sie ernst nimmt. Eben auch dadurch, dass korrekte Bezeichnungen verwendet werden.

Wer falsche Begriffe verwendet, zeigt damit deutlich, dass er gar nicht das Interesse hat, sich mit der Lebenswirklichkeit der Frauen zu befassen. Er will seine Umwelt wohl frei halten vom Fremden, er handelt womöglich aus Fremdenfeindlichkeit heraus. Er reduziert die Komplexität des Fremden auf einen falschen Begriff und wertet die Frauen, um die es bei alledem geht, damit ab.

Auch der Begriff „Vollschleier” ist im Übrigen abwertend, respektlos, weil er stets mit einer negativen Sichtweise daherkommt. „Alles voll Schleier!” Da verschwindet die Frau, wird sie nicht mehr wahrgenommen. In ihrem Leben ist nicht alles voll Schleier, ihr Leben ist mehr als das.