Laut einem Bericht der „Huffington Post Deutschland” will „ein Münchner Gericht eine Muslima entschleiern”, die als Zeugin (und Geschädigte) aussagen soll, indem, so die „Huffington Post”, die 22. Strafkammer „ungewöhnliche Wege” geht: „Sie holte sich die Meinung des Islam-Rechtsgelehrten Scheich Abdullah Al Muuslih aus Saudi-Arabien. Der schrieb bereits, dass es erlaubt sein, vor Gerichte bei der Polizei den Schleier abzulegen, um das Verfahren zu ermöglichen. Wenn das nicht klappt, sollen doch Zwangsmaßnahmen verhängt werden.”

Was ist davon zu halten?

Ich möchte mich an dieser Stelle auf einen Kommentar dazu beschränken, dass man sich die „Meinung des Islam-Rechtsgelehrten” einholt, also offenbar eine Fatwa. Dabei handelt es sich um ein Rechtsgutachten - eine im sunnitischen Islam allerdings nicht bindende Entscheidung (anders als im schiitischen Islam).

Was ist nun davon zu halten, wenn sich ein deutsches Gericht eine Fatwa aus einem Staat einholt, der weithin nicht gerade als Vorbild in Menschenrechtsfragen gilt? In dem ausgerechnet Frauen relativ wenige Rechte und Freiheiten genießen, nicht einmal Autofahren, allein verreisen dürfen usw. Wo Männer oft genug glauben, ihnen vorschreiben zu können, wie sie sich zu kleiden, zu verhalten haben.

Das erinnert an die bayrische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU), die sich den Iran, eine islamische Theokratie mit ebenfalls fragwürdigen Einstellungen zu den universellen Menschenrechten, als Vorbild für Fragen nimmt, die die Kleidung von Frauen betrifft.

Es ist ironisch, dass sich die Bayern gerade zwei Todfeinde als Ratgeber für Fragen des Islam aussuchen, die derzeit im Jemen einen blutigen Stellvertreterkrieg führen.

Shaykh 'Abdullah Al Muslih ist übrigens der frühere Generalsekretär der saudischen „Commission on Scientific Signs in the Quran and Sunnah”, die sich mit angeblichen wissenschaftlichen Beweisen in Koran und Sunna befasst und in naturwissenschaftlichen Kreisen einen sehr schlechten Ruf genießt. 'Abdullah Al Muslih - der auch mit einem islamistischen TV-Sender zusammenarbeitet - steht weiterhin im Verdacht, sowohl antiwestlich und antisemitisch eingestellt als auch ein Unterstützer von al-Qaida zu sein. Er gilt als „Salafist”. Die ägyptische Muslimbruderschaft soll recht große Stücke auf ihn halten. Nun offenbar auch eine Strafkammer eines Münchner Gerichtshofes, die seine Fatwa in einen deutschen Gerichtssaal übernimmt

Die nächste Frage ist, ob 'Abdullah Al Muslih überhaupt der gleichen sunnitischen Rechtsschule angehört, der auch die Zeugin Amira B. angehört. Islam ist nun einmal nicht gleich Islam, und der sunnitische Islam kennt nicht nur die vier traditionellen Rechtsschulen, sondern auch eine Position, die sich allein am Vorbild der ersten drei islamischen Generationen orientiert.

Und in Deutschland ist das, was ein Mensch glaubt, rechtlich betrachtet immer noch vor allem seine persönliche Angelegenheit. Wir haben schließlich keine „Staatsreligion” - wir haben mündige Bürger, deren Glaube ihre höchstpersönliche Angelegenheit ist, deren Glaube (oder auch Nichtglaube) nicht vom Staat beurteilt werden darf. Es ist fragwürdig, wenn der Staat (oder ein Gerichtshof) seinen Bürgern Vorschläge unterbreitet, wie sie ihren Glauben leben sollen. Und ansonsten mit der Inquisition - Entschuldigung, mit Zwangsmaßnahmen droht.

Lassen wir nun aber einmal Shaykh 'Abdullah Al Muslih beiseite.

Warum muss sich Amira B., in diesem Fall Geschädigte und Zeugin (wenn sie auch, wie die „Huffington Post” treffend schreibt, immer mehr als „die wirkliche Angeklagte” gesehen wird), überhaupt vor Gericht entschleiern? Selbstverständlich muss sie sich identifizieren lassen. Das kann in einem Nebenraum durch eine weibliche Bedienstete des Gerichts geschehen.

Ansonsten gibt es vor deutschen Gerichten sogar blinde Richter - und freilich auch, weit weniger auffällig, prosopagnostische, also „gesichtsblinde”, Richter. Richter also, für die jedes Gesicht eines Zeugen, eines Angeklagten oder eines anderen Verfahrensbeteiligten von einem Schleier bedeckt ist.

Natürlich verdeckt der Schleier gewisse nonverbale Mitteilungen - vor allem die Mimik.

Er stellt aber selbst eine Form nonverbaler Kommunikation dar. Amira B. kommuniziert wie jede andere Muslima auch mittels ihres Hidschāb und mittels ihres Niqāb. Ohne ihn wird ihre Kommunikation eingeschränkt. Es ist also eine Loose-Loose-Situation, weil in jedem Fall die Kommunikation der Zeugin eingeschränkt wird.

Hinzu kommt, dass sich in gewisser Weise die Situation, die nun verhandelt werden soll, fortsetzt. Der Angeklagte - der sie „aufgrund ihrer Verschleierung bedroht und übel beschimpft” haben soll - bekommt gewissermaßen nachträglich Recht, das Opfer muss den Schleier ablegen. Weil sie das nicht tun will, droht man ihr Zwangsmaßnahmen an.

Für Amira B. ist es nun einmal ebenso unmöglich, ihr Gesicht in Gegenwart fremder Männer zu entschleiern, wie es für sie beispielsweise unmöglich ist, Schweinefleisch oder Alkoholika zu konsumieren. Das jeweilige Verbot befindet sich auf der gleichen theologischen Ebene. Beides ist für sie Ḥarām, streng verboten. Daran ist nichts zu deuteln.

Viele Muslime sehen das freilich anders - aber die Frage nach der rechten Ausübung der Religion, nach „erlaubt” oder „verboten” ist nichts, was sich nach Mehrheiten richtet. Es ist eine Frage persönlicher Überzeugungen, die schützenswert sind - gerade auch, wenn es sich um Überzeugungen von Minderheiten handelt. Eine Gesellschaft erweist ihren Wert auch darin, wie sie ihre Minderheiten schützt und zu ihrem jeweiligen Recht verhilft. Gerade die jüdisch-christliche Tradition verlangt, dass wir den Schwachen zu ihrem Recht verhelfen. Wenn es irgend einen „christlichen Wert” gibt, dann diesen, den radikalen Schutz der Schwachen, der Geringen, der Minderheiten, der Fremden.

Es missachtet die Menschenwürde, wenn wir glauben, wir könnten Minderheiten „zwangsmissionieren” (und nichts anderes ist der Versuch, Amira B. einer bestimmten religiösen Meinung, die nicht die ihre ist, auszusetzen), um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Dies gilt sicherlich um so mehr, wenn man dazu die Lehrmeinung eines Mannes bemüht, dessen mutmaßliche Überzeugungen man ansonsten als höchst problematisch einordnen würde.

In Deutschland genießt die freie Ausübung der Religion einen sehr hohen Rang - höher übrigens als in Frankreich, wo sich alles dem radikalen Laizismus und der „Solidarität” unterordnen muss, auch die Gewährung der Menschenrechte wie Religions- oder Meinungsfreiheit, wenn dies etwa dem Zusammenleben der Menschen dienlich ist. In Frankreich sind darum, anders als in Bayern, Kruzifixe in Gerichtssälen undenkbar.

Nun will aber in Bayern unter einem Kruzifix, unter dem Zeichen des Kreuzes eine Muslima verschleiert aussagen - unter jenem Zeichen also, das uns eigentlich gemahnt, uns den Schwachen zuzuwenden, Toleranz zu üben, das Fremde anzunehmen. Will der Gerichtshof das einer Muslima nicht erlauben, sollte er besser das Kruzifix verhüllen - ansonsten wird alles verhöhnt, wofür dieses Zeichen steht.