Die Medien unternehmen immer wieder einmal „Burka-Experimente” - stecke eine Journalistin oder einen „Promi” in eine Burqa - und dann berichte, was ihr widerfahren ist. Den jüngsten Versuch haben die Schweizer „20 Minuten” gestartet: „Ein Morgen unter der Burka”.

Immerhin trägt die Reporterin Tanja Bircher tatsächlich eine Burqa - wobei die in der Schweiz ähnlich selten sein dürfte wie in Deutschland. Verbreiteter dürften auch in der Schweiz (wo sich schätzungsweise 400 - 850 Frauen komplett verschleiern) Abaya, Çarşaf oder Khimar mit Niqāb sein.

„Das enge Kopfteil drückt mich an der Stirn, der lange Saum gerät zwischen meine Beine, der Stoff ist dick und stickig” - das ist nun natürlich auch dem Material der Burqa geschuldet, ebenso, Bircher nicht viel sieht, „das Gitter vor meinem Gesicht ist winzig und vernebelt mir die Realität. Es lässt die Welt gross wirken und mich klein. Ich sehe nicht, wohin ich trete, ich sehe nicht, was neben mir geschieht”. Ein Niqāb mit seinem Sehschlitz verändert die Sicht viel weniger als die Burqa (selbst dann, wenn die Trägerin auch ihre Augen mit einem feinen Stoff bedeckt). Manche Brille ist nicht wirklich größer als der Sehschlitz eines Niqāb (meine Brillen sind erst größer als der Sehschlitz eines Niqāb, seitdem ich Gleitsichtgläser brauche - vorher stand ich auf die ganz schmalen Brillen).

Grundsätzlich stellt sich ohnehin die Frage - was bringen diese Experimente, außer dass man die Reaktionen der Bevölkerung beobachten und festhalten kann? Die sind aber dadurch verzerrt, dass sich das „Testobjekt” nicht so verhält wie eine richtige Niqābi. Wer den Niqāb oder wie hier die Burqa das erste Mal trägt, der tritt damit nicht sicher auf. Die Menschen spüren, dass da etwas anders ist, auch wenn sie es wohl nicht benennen können.

Im Prinzip funktioniert so ein Experiment erst, wenn man die richtige Kleidung trägt (es gibt bequeme, unbequeme und fürchterliche Kleidung) und sich daran gewöhnt hat. Also nach mehreren Tagen. Wenn man nicht mehr unterwegs ist, um zu beobachten, sondern um die üblichen Dinge zu verrichten, die man auch ohne Niqāb oder Burqa verrichten würde. Wenn man also nicht mehr das Füllmaterial einer „Burka” ist, sondern eine Frau, die Niqāb trägt.

Und eigentlich funktioniert das Experiment nur, wenn man sich im Niqāb wohl fühlt. Denn dann bewegt die betreffende Frau sich noch einmal normaler, unauffälliger. Und wird dann auch weniger angestarrt. Und nein, ganz verschwinden die negativen Reaktionen nicht, wobei es auch regionale Unterschiede gibt (Karlsruhe etwa ist schrecklich, Heidelberg ist geradezu das Paradies für eine Niqābi). Aber eine Frau, die gerne und aus Überzeugung Niqāb trägt, steckt diese Reaktionen ganz anders weg als jemand anderes (wobei es auch der überzeugtesten Niqābi zu viel werden kann, wenn die Umwelt 'mal wieder ihre wilden 45 Minuten hat).